Nr. 13/2026
Wahrheit / Anhören bei schweren Vorwürfen

(X. c. «Neue Zürcher Zeitung»)

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Zusammenfassung

Im Dezember 2024 veröffentlichte die «Neue Zürcher Zeitung» einen Artikel unter dem Titel: «Judenhass, Schwurbler und Esoteriker: Evangelische Gemeinden auf Abwegen». Es geht um einen Weihnachtsmarkt der Michaelisgemeinde in Darmstadt. Der Markt sei zum Hamas-Propaganda-Fest geworden, da dort Symbole der Terrororganisation Hamas angeboten worden seien, schrieb der NZZ-Autor. Die nachträgliche Entschuldigung des Pfarrers sei nicht glaubwürdig. Zudem sei kurz davor ein Autor in der Gemeinde zu Gast gewesen, der das Massaker vom 7. Oktober 2023 rechtfertige.

Gegen den Bericht wurde eine Beschwerde eingereicht, in der moniert wurde, dass die Kritik an der Kirche unzutreffend sei. Zudem erhebe der Autor schwere Vorwürfe, ohne die Betroffenen – den Pfarrer und den kritisierten Autor – zu konfrontieren. Die NZZ widersprach und argumentierte, der Autor habe die Pressestelle der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau kontaktiert und keine Antwort erhalten.

Bei schweren Vorwürfen ist es zwingend, dass sich Journalistinnen und Journalisten nachweislich darum bemühen, die direkt betroffene Person zu kontaktieren, nicht nur beispielsweise ihren Arbeitgeber, hält der Presserat fest. In diesem Fall wäre dies besonders wichtig gewesen, da der Arbeitgeber des Pfarrers, die Evangelische Kirche Hessen und Nassau, gegen den Mann Strafanzeige eingereicht hatte; sie konnte den Pfarrer unmöglich adäquat vertreten. Auch der Buchautor hätte angehört werden müssen. Die NZZ verletzte somit in beiden Fällen die Anhörungspflicht.

Résumé

En décembre 2024, la « Neue Zürcher Zeitung » a publié un article intitulé « Judenhass, Schwurbler und Esoteriker : Evangelische Gemeinden auf Abwegen » (antisémitisme, théories du complot et ésotérisme : des communautés évangéliques sur la mauvaise voie). L’article évoque le marché de Noël de la communauté michaélite de Darmstadt. L’auteur a qualifié le marché d’événement de propagande en faveur du Hamas, étant donné que des symboles de l’organisation terroriste y étaient proposés au public. Il a jugé les excuses ultérieures du pasteur non crédibles. Il a évoqué en outre le fait que la communauté avait invité peu de temps auparavant un auteur littéraire faisant l’apologie du massacre du 7 octobre 2023.

L’article est visé par une plainte au sujet de la véracité des critiques adressées à la communauté. Le plaignant dénonce les reproches graves proférés par l’auteur, sans prise en compte du point de vue du pasteur et de l’auteur littéraire décriés. La NZZ s’oppose à la plainte et souligne que le journaliste a contacté le centre de presse de l’Église évangélique de Hesse-Nassau sans obtenir de réponse.

Le Conseil suisse de la presse rappelle qu’en cas de reproches graves, il est impératif que les journalistes puissent apporter la preuve qu’ils ont essayé de prendre contact directement avec les personnes concernées et pas seulement par exemple avec leur employeur. Cette démarche aurait été particulièrement importante dans le cas d’espèce, car l’employeur du pasteur, l’Église évangélique de Hesse-Nassau, avait déposé une plainte pénale contre lui et ne pouvait donc en aucun cas le représenter de manière adéquate. L’auteur littéraire aurait lieu aussi dû être entendu, si bien que le Conseil suisse de la presse a considéré que la NZZ a manqué dans les deux cas à son obligation d’entendre les personnes concernées.

Riassunto

Nel dicembre del 2024 la «Neue Zürcher Zeitung» ha pubblicato un articolo intitolato: «Judenhass, Schwurbler und Esoteriker: Evangelische Gemeinden auf Abwegen» (Antisemitismo, complottisti ed esoteristi: comunità evangeliche fuori strada). L’articolo della NZZ riguarda un mercatino di Natale organizzato dalla parrocchia di San Michele a Darmstadt. L’autore scriveva che il mercatino si era trasformato in un evento di propaganda di Hamas, in cui venivano venduti simboli dell’organizzazione terroristica Hamas. Le scuse presentate successivamente dal pastore non sarebbero credibili. Inoltre, poco prima la comunità aveva ospitato un autore che giustificava il massacro del 7 ottobre 2023.

Contro l’articolo è stato presentato un reclamo, nel quale si contestava il carattere infondato delle critiche rivolte alla Chiesa. Inoltre, il giornalista avrebbe formulato gravi accuse senza aver dato alle persone coinvolte — il pastore e l’autore criticato — la possibilità di prendere posizione. La NZZ ha replicato sostenendo che il giornalista aveva contattato l’ufficio stampa della Chiesa evangelica di Hesse e Nassau, senza ricevere alcuna risposta.

Il Consiglio della stampa sottolinea che, in presenza di accuse gravi, è indispensabile che giornaliste e giornalisti si adoperino in modo verificabile per contattare la persona direttamente interessata e non soltanto, ad esempio, il suo datore di lavoro. In questo caso ciò sarebbe stato di particolare rilevanza, poiché il datore di lavoro del pastore, la Chiesa evangelica di Hesse e Nassau, aveva sporto denuncia contro di lui e non poteva dunque rappresentarlo adeguatamente. Anche l’autore del libro avrebbe dovuto essere ascoltato. La NZZ ha quindi violato il dovere di ascolto.

 

I. Sachverhalt

A. Am 24. Dezember 2024 veröffentlichte Johannes Boie in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) einen Artikel unter dem Titel: «Judenhass, Schwurbler und Esoteriker: Evangelische Gemeinden auf Abwegen». Der Lead lautet: «Eine Kirche im Bundesland Hessen hat einen antisemitischen Weihnachtsmarkt veranstaltet. Unsere Recherche zeigt, wie katastrophal die Zustände wirklich sind. Der Fall sagt einiges über die Evangelische Kirche in Deutschland aus.»

Der Artikel behandelt die Ereignisse rund um einen Weihnachtsmarkt der Michaelisgemeinde in Darmstadt, der laut Artikel von antisemitischen Inhalten und Symbolen geprägt gewesen sein soll. Der Markt sei zum Hamas-Propaganda-Fest geworden, da dort Zeichen der Terrororganisation Hamas, ein rotes Dreieck, und der Slogan «From the river to the sea», der die Vernichtung Israels einfordert, als Plätzchen und Mitbringsel angeboten worden seien, schreibt der Autor. In der Einladung sei geschrieben worden, «Palästina» sei ein multireligiöses Land, in dem nicht nur muslimische, sondern eben auch jüdische und christliche Menschen zu Hause seien. Dies lasse sich nur so interpretieren, dass Israel eigentlich Palästina sei, denn nur dort lebten jüdische und christliche Menschen. In dem Fall werde Israel das Existenzrecht abgesprochen, so Johannes Boie. Israel werde an verschiedenen Stellen in der Einladung und in anderen Texten rund um den Weihnachtsmarkt als Kolonialmacht beschrieben. Dies entspreche dem Narrativ «radikaler Israel- und Judenhasser».

Die nachträgliche Entschuldigung des Pfarrers der evangelischen Kirche der Michaelisgemeinde sei nicht glaubwürdig. Er sage in der Entschuldigung zwar, er habe von den Hamas-Symbolen nichts gewusst, doch das sei nicht glaubhaft. Weiter schreibt der Autor unter anderem: «Dafür, dass der Pfarrer und sein Team die Hamas-Abzeichen in Wahrheit nicht weiter schlimm fanden, spricht einiges. Kurz bevor der Weihnachtsmarkt stattfand, war Ende November Johannes Zang in der Gemeinde zu Gast.» In der Folge wird Zang als Autor beschrieben, der das Massaker vom 7. Oktober 2022 rechtfertige.

Zudem schreibt der Autor, die evangelische Kirche habe sich einem jüngeren Zeitgeist geöffnet, unter anderem mit queeren Partys. Hingegen finde man heute weniger die Feier der Sakramente, die Verkündung des Wort Gottes, Gebete, die Liturgie oder auch Feierlichkeiten, Rituale und Ästhetik. Dies berichtet der Autor aufgrund anekdotischer Evidenz privater Gottesdienstbesuche, wie er schreibt.

B. Am 10. Januar 2025 reichte Theologieprofessor X. Beschwerde gegen den Artikel ein. Die Beschreibung der Evangelischen Kirche basierend auf anekdotischer Evidenz sei falsch. Es treffe nicht zu, dass es in der Kirche immer weniger Feier der Sakramente, die Verkündung des Wortes Gottes, Gebete, die Liturgie oder auch Feierlichkeiten, Rituale und Ästhetik gebe. Mit den Behauptungen verletzte der Autor die Richtlinie 1.1 (Wahrheitssuche), denn «ohne diese Elemente kann man gar nicht von einem Gottesdienst sprechen».

Weiter moniert der Beschwerdeführer, dass der Text die Richtlinie 3.8, Anhörung bei schweren Vorwürfen, verletze. Seine Begründung: «Gegen die Gemeinde in Darmstadt, gegen den Pfarrer, gegen einige von der Gemeinde eingeladene Autoren und gegen die Evangelische Kirche insgesamt werden schwere Vorwürfe erhoben.» Es gehe um Antisemitismus, um Terrorsymbolik, um mutmassliche Volksverhetzung, also mitunter um strafbare Handlungen. Doch die Betroffenen kämen im Text nicht zu Wort.

C. Am 30. April 2025 reichte die «Neue Zürcher Zeitung» ihre Beschwerdeantwort ein und beantragte, die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen. Laut der NZZ sei die Richtlinie 1.1 (Wahrheitssuche) nicht verletzt, nur weil der Autor schreibe, es würden keine Gottesdienste im eigentlichen Sinn durchgeführt. Die Beschreibung im Text sei eine wertende Beobachtung und erhebe «keinen Anspruch auf eine allgemeingültige, empirisch belastbare Feststellung».

Auch die zur «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» (nachfolgend: «Erklärung») gehörende Richtlinie 3.8 (Anhören bei schweren Vorwürfen) sei nicht verletzt. Der Autor habe die Pressestelle der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau kontaktiert und keine Antwort erhalten. Zudem werde die Entschuldigung des Pfarrers der betreffenden Gemeinde, wonach er nichts von den Symbolen (rotes Hamas-Symbol etc.) gewusst habe, im Text ausgeführt. Der im Text erwähnte Autor, der von der Gemeinde eingeladen worden sei, sei kein Primärbetroffener, eine Kontaktaufnahme durch den Autor sei deshalb nicht nötig gewesen.

D. Am 15. Dezember 2025 teilte der Presserat den Parteien mit, dass die Beschwerde der 1. Kammer zugewiesen wird, bestehend aus Susan Boos (Präsidentin), Luca Allidi, Catherine Boss, Ursin Cadisch, Stefano Guerra, Erik Schönenberger und Casper Selg.

E. Die 1. Kammer des Presserats verabschiedete die Stellungnahme an ihrer Sitzung vom 5. Januar 2026 sowie auf dem Korrespondenzweg.

 

II. Erwägungen

1. Richtlinie 3.8 (Anhörung bei schweren Vorwürfen) verlangt die Anhörung von Personen, gegen die schwere Vorwürfe erhoben werden. Im Artikel von Johannes Boie wird dem Pfarrer der Gemeinde Darmstadt unterstellt, er unterstütze – zumindest indirekt – Terrorsymbole und trage zu Judenhass bei. Dies werde untermauert, da in seiner Kirchgemeinde unter anderem ein Autor eingeladen worden sei, der das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2022 rechtfertige.

Diese Behauptungen sind zweifelsfrei schwere Vorwürfe. Der Autor hat zwar die Pressestelle der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau kontaktiert, doch das reicht nicht. Bei schweren Vorwürfen ist es zwingend, dass sich Journalistinnen und Journalisten nachweislich darum bemühen, die direkt betroffene Person zu kontaktieren, nicht nur beispielsweise ihren Arbeitgeber (vgl. Stellungnahmen 39/2024; 1/2025). In diesem Fall ist dies besonders wichtig, da die Arbeitgeberin des Pfarrers, die Evangelische Kirche Hessen und Nassau, gegen den Mann Strafanzeige eingereicht hat. Die Evangelische Kirche Hessen und Nassau konnte ihn somit unmöglich adäquat vertreten.

Auch die Vorwürfe gegen den Autor Johannes Zang wiegen schwer. Er war eingeladen worden, weil er ein neues Buch über den Nahostkonflikt geschrieben hatte, unter dem Titel: «Kein Land in Sicht? Gaza zwischen Besatzung, Blockade und Krieg». Dem Buchautor wird vorgehalten, dass er das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2022 rechtfertige und behaupte, Israel habe die Folter-, Mord- und Vergewaltigungsexzesse selbst provoziert. Der NZZ-Journalist untermauert seine Vorwürfe mit dem Hinweis, dass das Buch von Antisemiten positiv beurteilt werde. Da im Artikel weder der Buchautor, noch der Pfarrer von Darmstadt zu Wort kommen, verletzte die NZZ die zur «Erklärung» gehörende Richtlinie 3.8 (Anhörung bei schweren Vorwürfen).

2. Im Artikel schreibt der Autor, dass pro Jahr regelmässig eine halbe Million Mitglieder aus der Evangelischen Kirche ausgetreten seien. Laut dem Beschwerdeführer ist diese Angabe falsch und verletzt Richtlinie 1.1 (Wahrheitssuche). Die NZZ führt hierzu aus, die Verwendung des Verbs «austreten» stelle in diesem Kontext eine ungenaue Wortwahl dar, sie beziehe sich im Artikel auf die Verluste von Mitgliedern insgesamt, welche durch Austritt, Tod oder andere Gründe zustande kämen. Sie hat die Passage im Online-Artikel wie folgt korrigiert: «Alleine im Jahr 2023 haben sie über eine halbe Million Menschen verloren».

Zudem berichtet Johannes Boie, dass es in der Evangelischen Kirche allgemein weniger «Feier der Sakramente, Verkündung des Wortes Gottes, Gebet» etc. gebe. Er stützt sich dabei laut eigenen Angaben auf anekdotische, persönliche Erfahrungen, ohne Belege zu liefern. Der Beschwerdeführer sieht auch darin eine Verletzung von Richtlinie 1.1 und macht geltend, ohne diese Elemente könne man gar nicht von einem Gottesdienst sprechen. Beide Passagen sind für den Presserat journalistisch ungenau, verletzen die Richtlinie 1.1 (Wahrheitssuche) aber nicht.

Im Lead des Artikels wird beschrieben, dass der Inhalt des Textes auf Recherche beruhe. Trotzdem enthält der Artikel bei wichtigen Aussagen kommentierende Elemente. Die Richtlinie 2.3 – Trennung von Fakten und Kommentar – ist vom Beschwerdeführer jedoch nicht geltend gemacht worden, weshalb der Presserat diesen Aspekt nicht beurteilt.

 

III. Feststellungen

1. Der Presserat heisst die Beschwerde teilweise gut.

2. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat mit dem Beitrag «Judenhass, Schwurbler und Esoteriker: Evangelische Gemeinden auf Abwegen» vom 24. Dezember 2024 die Ziffer 3 (Anhörung bei schweren Vorwürfen) der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verletzt.

3. Darüber hinausgehend wird die Beschwerde abgewiesen.